Inklusion ist die wohl größte Forderung unserer Zeit – wenn Menschen mit Behinderung nach ihren Wünschen für ihr Leben und für den Arbeitsmarkt befragt werden. Inklusion ist aber auch die größte Hürde, denn die Differenz zwischen Theorie und Praxis ist enorm. Im Inklusionsbarometer Arbeit heißt es: Es fehle der „flächendeckende Durchbruch“. Was das im Detail für Unternehmen und Bewerber bedeutet, soll Thema in diesem Beitrag sein.

Die Messgröße im Inklusionsbarometer Arbeit

Um über Entwicklungen im Bereich Inklusion sprechen zu können, bedarf es an Indikatoren, die aufzeigen, ob sich eine Verbesserung oder Verschlechterung der Lage ergeben hat. Auf Basis der Formel „Aktueller Wert geteilt durch Fünf-Jahres-Basisdurchschnittswert multipliziert mal 100“ kann der Indikator berechnet werden, der anzeigt, wie sich die Lage für Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt entwickelt hat.

  • Ein Wert über 100 zeigt an, dass sich die Lage verbessert hat.
  • Ein Wert unter 100 zeigt, dass sich die Lage verschlechtert hat.

Diese Ergebnisse kamen bei der aktuellsten Untersuchung (2016) heraus:

Arbeitslosenquote der Schwerbehinderten in Prozent der allgemeinen Arbeitslosenquote Teilindikatorwert: 90,6
Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten Teilindikatorwert: 99,0
Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen arbeitslosen Schwerbehinderten Teilindikatorwert: 100,7
Dauer der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter in Prozent der allgemeinen Dauer Teilindikatorwert: 101,0
Anteil der Arbeitgeber, die mindestens einen Pflichtarbeitsplatz besetzen Teilindikatorwert: 102,8
Erwerbsquote der Schwerbehinderten Teilindikatorwert: 105,4
Anträge auf Kündigung Schwerbehinderter Teilindikatorwert: 106,3
Anteil der Arbeitgeber, die alle Pflichtarbeitsplätze besetzen Teilindikatorwert: 106,9
Beschäftigungsquote Schwerbehinderter Teilindikatorwert: 107,6
Arbeitslosenquote der Schwerbehinderten Teilindikatorwert: 110,1

 

Der Gesamtwert hat sich hier von 102,3 auf 103 leicht verbessert. Das heißt in der Folge: Die Lage Schwerbehinderter auf dem Arbeitsmarkt hat sich verbessert. Bundesweit einheitlich ist dies bei Weitem nicht. Zwar hat sich die Beschäftigungsquote Schwerbehinderter überall erhöht und auch die Arbeitslosenquote selbst liegt kontinuierlich über dem Indikatorwert 100, doch in manchen Detailansichten hinken einige Bundesländer doch deutlich hinterher. Vor allem die Arbeitslosenquote der Schwerbehinderten in Prozent der allgemeinen Arbeitslosenquote liegt in den Bundesländern Westdeutschlands deutlich unter dem Schnitt der ostdeutschen Bundesländer.

Summa summarum lässt sich beschließen, dass der Gesamtwert, der beim Inklusionsbarometer Arbeit 2016 berechnet wurde, bei 37,1 liegt und das (mit Blick auf den Vorjahreswert von 34,1) eine deutliche Verbesserung bedeutet. Was Unternehmen erwartet, die sich beispielswese für die Einstellung eines Azubis mit Handicap entscheiden, verrät dieser Beitrag. Eine detailliertere Betrachtung des Inklusionsbarometers Arbeit folgt hier.

Das sind die Aussagen der Schwerbehinderten im Inklusionsbarometer Arbeit

Da die Untersuchung von „Aktion Mensch“ nicht nur allgemeine Tendenzen aufzeigen soll und möchte, sondern auch die Meinung der Betroffenen selbst abfragt, zeigt die folgende Tabelle, wie sich die Indikatoren des Arbeitnehmerbarometers verändert haben. Der Blick auf die Zahlen ist ernüchternd, denn aus Sicht der Schwerbehinderten hat sich ihre Situation verschlechtert.

2016 2015
Akzeptanz bei Kollegen 80 88
Einsatz nach Qualifikation 73 78
Empfehlung des Arbeitgebers 45 48
Entwicklungsmöglichkeiten im Betrieb 32 34
Grundsätze zur Inklusion 27 28
Staatliche Unterstützung 10 15
Veränderung der Arbeitsmarktsituation 9 -2
Weiterempfehlung an weitere Betroffene 44 49

 

Auffallend sind einerseits die negativen Tendenzen von 2015 zu 2016. Doch auch die einzig positive Bewertung – die positive Veränderung der Arbeitsmarktsituation – geht aus diesen Zahlen hervor.

Zwischenfazit: Viermal positiv, fünfmal negativ, einmal stabil

Das zunächst etwas kryptische klingende Fazit bringt die Ergebnisse beider Untersuchungsstränge zusammen und zeigt an, wie es aus Sicht der Schwerbehinderten UND aus Sicht der Betriebe um das Thema Inklusion bestellt ist. Die folgende Tabelle zeigt die Ergebnisse.

Tendenz (2015:2016)
Arbeitsmarkt Situation von Schwerbehinderten negativ (11:8)
Leistungsunterschiede im Kollegenkreis negativ (56:55)
Einstellung von Behinderten negativ (8:7)
Weiterempfehlung an weitere Betroffene negativ (83:81)
Weiterempfehlung des Unternehmens negativ (89:83)
Barrierefreiheit positiv (21:32)
Unternehmen, die die staatliche Förderung in Anspruch nehmen positiv (43:57)
Staatliche Förderung (Bekanntheitsgrad) positiv (50:71)
Schriftliche Grundsätze zur Inklusion positiv (-64:-34)
Einfluss auf Arbeitsumfeld stabil (25:25)

 

Auch für diesen Untersuchungsschritt wurde ein Indikatorwert ausgewiesen, der mit 106,7 deutlich über den 101,2 des Vorjahres liegt.

Brennpunktthema des Inklusionsbarometers Arbeit: Digitalisierung

Neben der Untersuchung der aktuellen Situation stand im Inklusionsbarometer Arbeit auch ein Themenschwerpunkt auf der Agenda: die Digitalisierung. Was sich dahinter verbirgt, ist schnell erklärt. Definiert wird die Digitalisierung im Inklusionsbarometer Arbeit als die Übertragung der menschlichen Tätigkeiten in eine besondere Sprache, die

  1. von Maschinen gelesen werden kann und deren Aufträge
  2. von Robotern oder Computern ausgeführt werden können.

Spannend ist jedoch nicht in erster Linie diese Entwicklung sondern, was diese Entwicklung für Schwerbehinderte und für das Thema Inklusion bedeutet. Von Kritikern (oder Realisten!?) wird häufig der Heizer auf dem mit Kohle betriebenem Zug als Bild herangezogen, um zu zeigen, dass dieser durch die Diesel- oder E-Lok ebenfalls seinen Job verloren hat. Laut einer Vergleichsstudie stehen mit der aktuell anstehenden Digitalisierung 47 Prozent der in den USA ausgeübten Berufe auf der Kippe. Die Prognosen sehen düster aus, denn diese sprechen davon, dass binnen der nächsten 20 Jahre 70 bis 100 Prozent dieser Jobs wegfallen bzw. von Maschinen übernommen werden könnten.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) spricht indes von einem positiven Beschäftigungseffekt der Digitalisierung, denn durch diesen Fortschritt werden neue Arbeitsplätze geschaffen – schließlich müssen die Techniken auch angewandt, betreut und weiterentwickelt werden. Allerdings gehen Experten auch von einer Tendenz aus, bei der höher Qualifizierte mehr gefordert sein werden, Menschen mit mittlerem Qualifizierungsniveau es jedoch schwerer haben könnten.

Und was bedeutet die Digitalisierung für den Inklusionsgedanken?

Nur 16 Prozent der befragten Behinderten halten die Digitalisierung für ein Risiko. Ihnen stehen 70 Prozent gegenüber, die die Digitalisierung als Chance begreifen. Woher diese deutliche Tendenz rührt, versteht nur, wer sich mit behinderten Menschen beschäftigt. Sie nämlich setzen bereits seit Längerem auf die Digitalisierung und das, was diese ihnen ermöglicht hat. Digitale Assistenzmodelle sorgen beispielsweise für eine Teilhabe am Arbeitsleben.

Grundsätzlichen sehen Behinderte diese Vorteile in der Digitalisierung:

  • 70 Prozent erkennen die Vorteile, die sich durch die Entwicklung digitaler Hilfsmittel für körperlich Beeinträchtigte ergeben.
  • 68 Prozent hoffen, dass Maschinen anstrengende Aufgaben übernehmen können.
  • 68 Prozent setzen darauf, dass neue Berufsfelder entstehen.
  • 66 Prozent sehen in der Digitalisierung die Option, externes Wissen besser nutzen zu können.
  • 64 Prozent halten die räumliche Flexibilität für einen großen Vorteil.
  • 62 Prozent erhoffen sich eine digitale Barrierefreiheit.
  • 55 Prozent erwarten beschleunigte Arbeitsprozesse durch die Digitalisierung.
  • 54 Prozent bewerten die Automatisierung einfacher Tätigkeiten positiv.

Übrigens: Auch Unternehmen profitieren von eben diesen Vorteilen!

Bildquelle: Jenny Sturm/fotolia.com

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