Kompetenzgenese: Kompetenzen in Theorie und Praxis

Aktualisiert am 4. Januar 2022 von Ömer Bekar

Sicherlich haben Sie auch eine genaue Vorstellung von Ihrem neuen Mitarbeiter. Vermutlich haben Sie eine Liste an Qualifikationen, Fertigkeiten, Fähigkeiten und persönlichen Vorgaben oder Ihr Unternehmen greift gar auf ein betriebliches Kompetenzmodell zurück. Was Sie wollen ist klar, allerdings ist es wirklich sinnvoll, sich im Personalbereich einmal mit dem Thema Kompetenzgenese auseinanderzusetzen bzw. sich zu fragen: Wie lassen sich Kompetenzen eigentlich aneignen?

Drei Faktoren gehören zum Kompetenzbegriff, doch wie kommt es dazu?

Was Unternehmen wollen, liegt auf der Hand. Sie wünschen sich

  • qualifizierte Mitarbeiter, die ihre fachliche Kompetenz in Zeugnissen und Methoden zeigen können,
  • erfahrene Mitarbeiter, die ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten bereits praktisch eingesetzt haben,
  • und Mitarbeiter, deren Persönlichkeit samt Haltungen und Werten, zum Betrieb und ins Team passen.

Woher eben dieses Leistungsprofil rührt, soll die Frage nach der Kompetenzgenese klären, die nun behandelt wird. Wie Sie herausfinden, wie gut ausgeprägt die Kompetenzen Ihres Bewerbers sind, erfahren Sie via Eignungstest. Die dazu nötigen Fragen können Sie in unserem Fragenpool abrufen. Alternativ bieten wir Ihnen gerne an, das Einstellungstestverfahren direkt online für Sie zu erledigen.

Kompetenzgenese in fünf Punkten. So entwickeln sich Kompetenzen

Blenden wir die genetische Veranlagung eines Menschen bewusst aus, so bleiben diese fünf Punkte übrig, die den Kern der Kompetenzgenese bilden:

  1. Sozialistation. Das Leben als Mitglied in einer Familie, in einer Gruppe Gleichaltriger, als Schüler und als Mitglied in einem Verein wirkt prägend – und zwar in erster Linie auf Haltungen und Werte. Ein höflicher Gruß auf dem Gang ist ein Beispiel einer Kompetenz, die auf die Sozialisation eines Menschen zurückzuführen ist.
  2. Formales Lernen. Unter dem formalen Lernen wird das Aufnehmen von Fachwissen im Rahmen klassischer Lerninstitute verstanden. Das Ergebnis sind meist vergleichbare Befähigungsbezeichnungen. Zeugnisse und Zertifikate von Pflichtschulen sind das physische Beispiel hierfür.
  3. Nicht-formales Lernen. Unter dem nicht-formalen Lernen wird das Aufnehmen von Fachwissen verstanden, das außerhalb der Schule und damit auch außerhalb des Pflichtbereichs stattfindet. Das klassische Beispiel ist der Führerschein, der von den meisten (freiwillig) erworben wird, beruflich aber meist vorgeschrieben wird.
  4. Informelles Lernen. Unter informellem Lernen wird all das verstanden, was außerhalb der Schule passiert und meist personenbezogen ist. Sprich: Was von den Eltern, von Gleichaltrigen, von Geschwistern gelernt wird oder im Selbststudium verinnerlicht wird, fällt in diesen Bereich.
  5. En-passant Lernen. Das Lernen „en passant“ bezeichnet das unbewusste Lernen. Wie stark dieser Faktor ausgebildet ist, hängt maßgeblich davon ab, wie aufmerksam ein Mensch seine Umwelt wahrnimmt.
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Exkurs zum Thema Lerntheorien

Ein Blick auf die Infobox hat gezeigt: Kompetenzen werden lernend erworben – und zwar auf unterschiedlichste Art und Weise. Der Lernerfolg ist bei Weitem nicht bei jedem Menschen gleich, sondern abhängig von

  • Alter,
  • Anzahl der Geschwister,
  • Bildungsniveau der Eltern,
  • Familienstatus,
  • Geschlecht,
  • Ort (Wohnort, Geburtsort, Schulort)
  • physischem Status,
  • und vom prägenden Milieu.

Daneben entscheiden zahlreichen Studien zufolge auch Lernumgebung, Lernort und die Intensität des Lernens darüber, wie gut die Kompetenzgenese auf den unterschiedlichsten Wegen funktioniert.

Kompetenzgenese, Faktor 1: Sozialisation

Der Sozialisationsvorgang beginnt mit der Geburt eines Menschen und endet mit seinem Tod. Sozialisation beschreibt die Übernahme von Normen und Werten aus der Gesellschaft, in der sich ein Mensch befindet. Theorien zur Sozialisation gibt es unzählig viele. Während die einen davon ausgehen, dass der Mensch sich während der Sozialisation ausprobieren kann und darauf eine Reaktion erfährt, gehen andere davon aus, dass aufgrund gelebter Belohnungsstrukturen Verhaltensweisen wiederholt bzw. aus dem Repertoire gestrichen werden.

Nach wie vor prägend ist in diesem Zusammenhang die primäre Sozialisation zwischen Eltern und Kindern, die die Weichen stellt für die Sozialisation in der Gruppe Gleichaltriger, im Kindergarten und in der Schule. Bereits bei diesen Instanzen wird von sekundärer Sozialisation gesprochen, was impliziert: Die Familie legt den Grundstein für Werte und Haltungen. Wer die Sozialisation allerdings lediglich auf Haltungen und Werte beschränkt, der vergisst wichtige Bausteine in der primären Sozialisation wie z.B. den Spracherwerb, Ausdrucksformen, Denkstile und Bewertungen. Die Vermittlung kann hierbei gezielt oder „nebenbei“ erfolgen.

Obgleich die Phase der sekundären Sozialisation am Ende der Jugendzeit endet, so ist die Sozialisation noch lange nicht zu Ende. Im Erwachsenenalter wird die Sozialisation als (Ehe-)Paar weitergetragen. Und natürlich wirken auch Mitgliedschaften im Verein sowie berufliche Herausforderungen auf die Person ein.

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Kompetenzgenese, Faktor 2: formales Lernen

Formales Lernen impliziert immer etwas Geregeltes, etwas Institutionalisiertes und etwas Anerkanntes. Damit wird auch klar, dass formales Lernen im Umfeld der Schule oder Universität ausgeübt wird – und von fachlich versiertem Personal angeleitet wird. Das formale Lernen spielt sich im Schnitt zwischen dem Alter von sechs und 25 Jahren ab. Früher eingeschult wird kaum einer, Ausbildung oder Studium können indes auch länger dauern. Auch Umschulungen oder Zertifizierungen auf dem zweiten Bildungsweg verschieben die Grenze von 25 Jahren nach oben.

Neben den klassischen fachlichen Kompetenzen wie etwa Fremdsprachen, Gesetzeskenntnisse, Instrumentenkenntnisse, Maschinenkenntnisse oder Mathematik werden auch noch weitere Fähigkeiten (bzw. Erfahrungen) vermittelt.

  • Reglementierung durch Lehrbeauftragte, Lehrpläne, Prüfungen und das System wird erfahren.
  • In der Schule und im Ausbildungsbetrieb erfolgt eine Werterziehung.
  • Sozialisation und andere Lern-Formen sind Teil des formalen Lernens.

Kompetenzgenese, Faktor 3: nicht-formales Lernen

Nicht-formales Lernen bezeichnet all das, was außerhalb des Pflichtbereichs liegt. Mit Blick auf die Schulzeit lässt sich das am besten zeigen, denn in aller Regel gilt die Schulpflicht für insgesamt 12 Jahre (und ab dem 6. Lebensjahr). Dementsprechend ist nicht-formales Lernen all das, was in Einrichtungen außerhalb der Schule doch in die Kategorie des institutionalisierten Lernens fällt.

Das wohl eindrucksvollste Beispiel von nicht-formalem Lernen passiert an der Volkshochschule. Dort werden unendlich viele Lehrangebote offeriert, die bei Sprachkursen beginnen und bei Computerkursen noch lange nicht enden. Auch in Tanz- und Musikschulen wird nicht-formales Lernen gelebt.

Formale Lernen und nicht-formales Lernen können in friedlicher Koexistenz nebeneinander verlaufen. Ein Beispiel dafür kann die Musikschule außerhalb der Schule sein oder die Nachhilfestunde beim Lernzirkel außerhalb der Schule und der Schulzeit. Die meisten Kurse aus dem Bereich des nicht-formalen Lernens werden mit einem Zertifikat honoriert oder gehen sogar mit einer Ermächtigung einher.

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Wer Ermächtigungen oder Zertifikate dieser Art nachweisen kann, dem werden nicht nur zusätzliche Fachkompetenzen unterstellt, sondern auch ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft, Lernbereitschaft und Initiativfähigkeit.

Kompetenzgenese, Faktor 4: informelles Lernen

Wer sich nach einem klar definierten Unterschied zwischen nicht-formalem und informellem Lernen sehnt, der muss den Grad der Organisiertheit unter die Lupe nehmen. Das bedeutet auch, dass informelles Lernen nicht in einem schulisch anmutenden Raum passiert, sondern im Alltag – und dieser passiert letztlich in der Familie und in der Arbeit.

Informelles Lernen fußt meist auf Interaktion und Kommunikation und impliziert ein gewisses Maß an Zielorientierung. Klassische Beispiele für informelles Lernen sind

  • Eltern, die ihrem Kind das Fahrradfahren beibringen,
  • Opas, die dem Nachwuchs beim Geschichtsreferat helfen,
  • Kollegen, die sich untereinander Nachhilfe bei neuer IT-Software geben,
  • Smartphones, die vom Nachbarn eingerichtet und erläutert werden
  • sowie der autodidaktische Lernbereich.

Kompetenzgenese, Faktor 5: en-passant Lernen

Problemlösung und Zielorientierung kann auch im en-passant Lernverfahren erlernt werden, denn: Wer bewusst erlebt (und dies dabei nicht einmal als Lernen wahrnimmt), der erlernt situationsbezogene Aktions- und Reaktionsweisen. Richtig, an dieser Stelle schwingt sicherlich auch eine Portion Sozialisation mit, denn streng zu trennen, sind diese Bereiche nicht. Sieht man den Small-Talk als ein Beispiel für en-passant Lernen an, so erhält auch die Forderung nach lebenslangem Lernen eine ganz andere Intension. Letztlich rechtfertigt das en-passant Lernen auch Auslandssemester und zeigt damit, dass interkulturelle Kompetenzen auch in den Bereich des en-passant Lernen fallen.

Die Kompetenzgenese ist facettenreich

Die in diesem Artikel vorgestellten Möglichkeiten, um Kompetenzen zu generieren, waren lediglich oder in erster Linie institutionell geprägt. Allerdings muss klar sein, dass in den genannten Institutionen auch verschiedene Wege genommen werden, um Inhalte erlebbar zu machen.

Mögliche Wege sind dabei Vorlesungen, Gruppenarbeiten, Übungen, Exkursionen, Ausstellungsbesuche, Fernkurse sowie der tagtägliche Medienkonsum. Inhalte werden indes gehört, gelesen, beobachtet, gerochen, geschmeckt und empfunden.

Auf welche Wege ein Mensch reagiert und welche Sinne er einsetzen kann, um Inhalte aufzunehmen, ist abhängig von den physischen Voraussetzungen, der Persönlichkeit, der Begabung, dem Interesse, den Emotionen, dem Vorwissen und der Erfahrung.

Bildquelle: peshkova/fotolia.com